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Dienstag, 18 Dezember 2018

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Einst das stattlichste Industrieschloss Deutschlands

Die Gladbacher Spinnerei und Weberei AG – heute Berufskolleg

„Die Gebäude der Gladbacher Aktienspinnerei und Weberei kennzeichnen beispielhaft die Entwicklung der Fabrikarchitektur im Rheinland um 1850. Diese stellt sich durch eine bewußte Inszenierung mit Bedeutungsformen aus der Herrschaftsarchitektur auf funktionell bedingten Baukörpern und Grundrissen dar.“

 

Dieter Spiegelhauer, 1990

Gladbacher Spinnerei und Weberei AG – heute Berufskolleg  Quelle Hochbauamt MGIm Jahr 1855 wurde am heutigen Platz der Republik (hinter dem Hbf. MG) das angeblich „stattlichste Industrieschloss“ Deutschlands in Betrieb genommen. Wenn es einen Startpunkt für die Industrialisierung in Mönchengladbach gibt, dann war es dieses Datum.

 

Die Gründung der Aktiengesellschaft „Gladbacher Spinnerei und Weberei“ erfolgte am 12. Mai 1853. Aufgrund von Engpässen bei der Garnlieferung taten sich elf ausnahmslos evangelische Textilunternehmer aus der mehrheitlich katholischen Region zusammen und gründeten diese Aktiengesellschaft. Es entstand der größte Spinnerei- und Webereibetrieb Mönchengladbachs und das damals stattlichste Fabrikgebäude Deutschlands. Dabei war die Organisationsform der Aktiengesellschaft im Hinblick auf die Textilfabrikgründungen im Rheinland eher die Ausnahme.

Zunächst waren die meisten Produktionsgründungen dieser Zeit Spinnereien, da hier die Mechanisierungsvorteile am Größten waren.

Gesicherte Kenntnisse über den Entwerfer bzw. Konstrukteur des Gebäudekomplexes gibt es nicht. Vermutungen gehen davon aus, dass die Architektur in England, insbesondere Manchester, studiert und kopiert wurde. Quirin Croon (1788-1854), treibende Kraft bei der Einführung der mechanischen Textilproduktion, war mehrfach in Manchester gewesen. Ebenfalls sollen tragende statische Elemente der Decken und Stützenkonstruktion von dort gekommen sein. Dies ist wahrscheinlich, gesichert ist dies nicht. Errichtet wurde der drei- bzw. viergeschossige Gebäudekomplex mit Ecktürmen unmittelbar in Eisenbahnnähe, dem heutigen Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Dies hatte zur damaligen Zeit zwei schlagende Vorteile, einmal die Anlieferung der Rohbaumwolle für die Produktion und der Kohle für den Antrieb der Dampfmaschinen.

Eine starke Differenz besteht zwischen dem äußerem beeindruckenden Erscheinungsbild und der inneren technoiden Tragwerkkonstruktion. Die Backsteingotik erinnert an gotische Schlossarchitektur, eine Reminiszenz nicht nur an den Adel und Ausdruck der übernommenen Macht des Bürgertums, sondern auch Relikt der Romantik.

Thomas Kosche schreibt zum Zwiespalt zwischen funktionaler Innenkonstruktion und äußerem Erscheinungsbild, also der Backsteinhülle der Gladbacher Aktienspinnerei- und weberei: „Mit ihren romantischen, der Gotik entlehnten Zierformen - Türme, fialenartige Schmucktürmchen, Zinnen, Gesimse und Friese – veranschaulicht sie Statusansprüche, Selbstverständnis, wohl auch Geschmack und Formgefühl der Gründer.“

Die Produktion fand auf vier Etagen statt. Der Spinnereitrakt mit ca. 110 x 21 Metern „enthielt in jedem Geschoß einen offenen Saal, der von zwei Säulenreihen in drei fast gleiche Felder geteilt wurde.“ In der Frühzeit der Industrialisierung wurde in der Mehrzahl, auch in Mönchengladbach, dieses mehrgeschossige Produktionsmodell favorisiert. Im weiteren Verlauf der Industrialisierung nahm man insbesondere in der Textilindustriearchitektur immer mehr davon Abstand. Spinnerei und Weberei des „Aktienbaus“ waren in getrennten Gebäudebereichen untergebracht, dem Nord- und dem Südflügel. Im Äußeren unterschieden sie sich primär dadurch, dass der Spinnerei-Trakt ursprünglich mit einem Walmdach abgeschlossen wurde, während die Weberei ein Flachdach erhielt. Die allgemein später übliche Sheddach-Konstruktion der Produktionshallen sucht man hier noch vergeblich.

Die Produktion begann im Jahr 1855 mit ca. 800 Arbeitskräften, davon mehrheitlich Arbeiterinnen (ca. 71%), und steigerte sich bis ins Jahr 1874 auf 1.100 Beschäftigte. Die gute unmittelbare Eisenbahnanbindung war sowohl für die Bereitstellung der Rohstoffe als auch für den Vertrieb der hergestellten Garne und Stoffe wichtig.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg soll es aufgrund von Managementfehlern zu wirtschaftlichen Problemen gekommen sein. 1915 fand dann die Liquidation dieser Fabrikanlage statt, vermutlich da die Fabrik nicht als sogenannter Höchstleistungsbetrieb eingestuft wurde. Die genauen Gründe hierfür sind nicht bekannt. Eine Firmengeschichte ist wohl nie verfasst worden. Der Nordtrakt wurde aufgegeben. Lediglich der kleinere Weberei-Trakt im Süden wurde weiterhin als textile Produktionsstätte genutzt. Bis zum Jahr 1974/78 trennen sich die Schicksale von Nord- und Südflügel.

Es begann nach der Stilllegung 1915, sicherlich auch zeitbedingt (Krieg, Inflation, Besatzung, Weimarer Republik etc.), eine lange Diskussion über die Verwendung des größeren Nordtrakt-Gebäudeteiles. Nach dem lukrativen Erwerb dieses größeren Bauteiles durch die Stadt Mönchengladbach in der Weimarer Republik wurde das Gebäude 1927-29 für eine gewerbliche und eine kaufmännische Berufsschule sowie eine Mittelschule umgebaut und im Mai 1929 übergeben. Die Industrieanlage wurde „von allen Schornsteinen, An-, Aus- und Nebenbauten befreit,“ aber auch den Fialen Simsen und Giebeln. Ein viertes Vollgeschoss mit Eisenbetondecken und zwei Aulen an den Seiten wurden hinzugefügt, die gusseisernen Säulen im Innern ummauert. Die Außenarchitektur wurde dem Zeitgeschmack angepasst „(…) und dabei im Sinne der Bauhauszeit purifiziert und ergänzt. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wurde es noch weiter vereinfacht (…). “Vom einstigen Industrieschloss blieb kaum etwas übrig. Eine weitere Umbaumaßnahme erfolgte im Rahmen des Konjunkturpaketes II in den Jahren 2009/2010 bei der auch die zweite 1927 hinzugefügte Aula abgerissen wurde. Dieser Bauteil (Nordflügel) steht bis heute nicht unter Denkmalschutz.

Demgegenüber wurde der Süd-Trakt, die ehemalige Weberei erst 1973 aufgegeben. Der Umbau erfolgte 1974/78 nahezu stilgetreu ebenfalls zur Städtischen Berufsschule, heute Berufskolleg und wurde am 2. 6. 1987 unter Denkmalschutz gestellt. Warum bei dem eben vorgestellten Komplex der Gladbacher Aktien-Spinnerei und Weberei nur der ehemalige Webereitrakt unter Denkmalschutz steht, ist lediglich auf den ersten Blick erklärbar, jedoch bei einer intensiven Betrachtung des Gesamtkomplexes nicht nachvollziehbar.

Der Text ist Teil eines Aufsatzes „Textilindustriekultur in Mönchengladbach“, der im September 2017 erscheint in: Buschmann, Walter (Hg.): Industriekultur, Klartext-Verlag, ISBN: 978-3-8375-1806-1

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Vereinsvorstellung Geschichtswerkstatt Mönchengladbach

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Die „Geschichtswerkstatt“ ist ein Zusammenschluss von Personen, die sich bereits seit über 25 Jahren mit der Lokalgeschichte Mönchengladbachs beschäftigen. Hier sind im Laufe der Jahre Ausstellungen, Bücher und Aufsätze entstanden, die sehr unterschiedliche Themen der Stadtgeschichte aufgreifen. So z.B. zuletzt ein Buch über Mönchengladbach und der Erste Weltkrieg, ein Aufsatz über Joseph Beuys und Mönchengladbach, das Problem der Säuglingssterblichkeit bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Geschichte des Karnevals in Rheydt, die Zwangsarbeit von Ausländern während der Zeit des II. Weltkrieges, ein Aufsatz über das „Gladbacher Haus“ und vieles andere.

Die „Geschichtswerkstatt“ fühlt sich einem sozialhistorischen Ansatz unter alltagshistorischer Perspektive verpflichtet. Die Bemühungen gehen dahin, die Wirkung historischer Prozesse auf das Alltagsleben der Menschen zu untersuchen und dies unter Berücksichtigung der Besonderheiten des regionalen Umfeldes.

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