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Mittwoch, 20 Februar 2019

GLADBACHER HAUS DER ERINNERUNG e.V.

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Die Erneuerung der Lebensverhältnisse ist aber nur dann praktisch durchführbar, wenn ihr eine neue Gesinnung zu Grunde liegt" | Theo Hespers 1938

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Gladbacher Haus der Erinnerung
Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus (Internationalen Holocaust-Gedenktag) Auch ...
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Geschichtswerkstatt
Ein Diskussionspapier „Die gestaltete Stadt kann ‚Heimat‘ werden, die ...
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MENSCHEN KOMMEN,GEHEN UND VERÄNDERN DIE STADT von Karl Boland (Hrsg.), Hans Schürings ...
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Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus (Internationalen Holocaust-Gedenktag) Im ...
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Nicht nur in Krefeld, auch in der Vitusstadt gab es einst eine florierende Seidenindustrie. Hans ...
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„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“ Herbert Grönemeyer   Wenn von Heimat ...
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Kriegserfahrungen und Alltagsbewältigung von Karl Boland (Hrsg.), Hans Schürings (Hrsg.) Wie ...
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Mönchengladbacher Lokalhistorie Die „Geschichtswerkstatt“ hat jetzt in den ...
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Dr. phil Doris Sessinghaus-Reisch vom Mittwoch, 7. Dezember 2016 im Gladbacher Haus der ...
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Rückschau auf den 27. Januar 2019

Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

(Internationalen Holocaust-Gedenktag)

Miroslaw Tybora
Auch dieses Jahr hatten die beiden Mitgliedsvereine des "Gladbacher Haus der Erinnerung e.V.", die Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit MG e.V. und die Theo-Hespers-Stiftung e.V. zu einer Gedenkstunde ins Ernst-Christoffel-Haus in Mönchengladbach-Rheydt eingeladen. Der Einladung sind neben den gut 80 Bürgerinnen und Bürger unser Oberbürgermeister Wilhelm Reiners, Bürgermeister Michael Schroeren und weitere Vertreter der demokratischen Parteien dieser Stadt gefolgt.

Unter der Überschrift "Wehret den Anfängen!" lauschten die Zuhörer*innen Miroslaw Tybora am Akkordeon und vernahmen die mahnenden Worte der Redner.
 Programm
Begrüßung: Ferdinand Hoeren (Vorsitzender,Theo-Hespers-Stiftung e.V.)
"Angriffe auf Menschenwürde und Demokratie": Rolf Hock (Geschäftsführer, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit MG e.V.)
"Wehret den Anfängen": Pfarrer Wolfgang Bußler
"Rechtsextremismus und Sprache": Jutta Finke-Gödde (Frauengeschichtsverein/FrauenVita e.V.)
Schlusslied: Moorsoldaten
Schlusswort:Ferdinand Hoeren 
Nachbericht der Rheinischen Post vom 28.01.2019

Begrüßung: Ferdinand Hoeren (Vorsitzender,Theo-Hespers-Stiftung e.V.)

Ferdinand HoerenSehr geehrte Damen und Herren,

herzlich begrüße ich Sie zu unserer Gedenkstunde.

Heute vor 74 Jahren haben die Alliierten das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1996 diesen Tag zum Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus erhoben. Die Vereinten Nationen haben 2005 diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag ernannt.

Wir wollenin tiefer Trauer an die unsägliche Barbarei denken, die im Namen des deutschen Volkes verbrochen worden ist und vielen Millionen Menschen Leid und Tod gebracht hat.

Allein 6 Millionen Juden sind aus blindem Rassismus ermordet worden - eine unvorstellbare Zahl. Hinzu kommen die vielen anderen Opfer.

Am Beispiel unserer Stadt erkennt man sehr gut, dass die allermeisten Opfer wegen des ArischenRassenwahns der Nationalsozialisten umgebracht worden sind.

Von den insgesamt über 1 400 Opfern aus Mönchengladbach zählen dazu als größte Gruppe die über 600 Juden. Gefolgt von den Euthanasieopfern, den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie den Roma und Sinti. Nur die Glaubenszeugen und die politischen Gegner – die kleinste Opfergruppe – sind aus anderen Gründen getötet worden.

Wir gedenken Ihrer mit Schaudern.

Bundespräsident Roman Herzog hat erklärt:

(…)“Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“(…)

Deshalb haben wir aus den Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit im Jahr 2016 unsere Gedenkstunde am 27. Januar 2017 mit dem Thema überschrieben:

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

 Und im vorigen Jahr 2018:

Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt dazu, sie zu wiederholen.“

 Die Ereignisse und Erfahrungen im letzten Jahr bis heute haben uns veranlasst, unser heutiges Gedenken als einen Aufruf zu gestalten, nämlich:

 „Wehret den Anfängen!“


Rede von Wolfgang Bußler, Pfarrer und Katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Mönchengladbach

Pfarrer BusslerLieber Herr Oberbürgermeister Reiners,
lieber Herr Bürgermeister Schroeren,
liebe Damen und Herren.

Ich spreche zu Ihnen als Kath. Vorsitzender der "Christlich-Jüdischen Gesellschaft" und bewußt als kath. Theologe, der sich mit der Beziehung seiner Kirche zum Judentum befaßt.

Am 9. und 10. November letzten Jahres gedachten wir der Pogromnacht vor 80 Jahren, 1938,
heute der Befreiung des KZ Auschwitz 1945.
1994 erklärte die UNO diesen Tag zum internationalen Gedenktag.
Die UNO Resolution dient als Mahnung, Völkermorde aufzuhalten.
Wir Deutschen haben einen konkreten Völkermord vor Augen.
Bischof Mussinghoff sprach im letzten Jahr zum 9. November in der City-Kirche:
"Wir stehen in einem Haftungszusammenhang, dem wir uns nicht entziehen können.
..Wir sind verantwortlich für eine Gedächtniskultur, die der Leiden des jüdischen Volkes eingedenk bleibt und die auf uns lastende Schuld trägt, die im Namen des Deutschen Volkes begangen wurde."
Darum ist es gut, daß wir hier sind und Gedenken. Auch das gehört zu: "Wehret den Anfängen."

Konrad Adenauer sagte in seiner Regierungserklärung 1949:

"Wir halten es für unwürdig und für an sich unglaublich, daß nach all dem, was sich in nationalsozialistischer Zeit begeben hat, in Deutschland noch Leute sein sollten, die Juden deswegen verfolgen oder verachten, weil sie Juden sind."

(SZ 28. / 29.4. 2018, Norbert Frei, Judenhass.)

70 Jahre später sagt Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden:

"Auch als es die AfD noch nicht gab, gab es diese antijüdischen Ressentiments bei circa 20% der Bevölkerung. "
Das sind 16 Millionen Menschen.

(Chrismon 31.10.2018)

Für mich sind diese Zahlen erschütternd, wenn ich dann Filme sehe wie die" Holocaust-Serie" oder "Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto".
Meiner Meinung sind diese Filme wichtig, damit wir "den Anfängen wehren".

Unbegreiflich sind mir diese Zahlen von Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Jede und jeder sollte sich doch vorstellen: von der eigenen größeren Familie leben nur 10%. Alle anderen wurden ermordet, bzw. ihre möglichen Eltern wurden ermordet.
Bischof Mussinghoff:

"Fast alle jüdischen Menschen verloren ihre Angehörigen und Freunde.
Kinder und Jugendlich, die überlebten, wuchsen ohne Eltern, Onkel und Tanten auf."

Liegt das alles so weit zurück, oder haben doch viele der Älteren Erinnerungen:
Christel Pharaon, die jetzt mit 87 Jahren im Altenheim Eicken gestorben ist, hat die ersten 20 Jahre ihres Lebens aufgeschrieben. Aufgewachsen in Düsseldorf Benrath beschreibt sie den 9. November:

"Es gab in Benrath viele Juden, die ein Geschäft betrieben. Denen schlug man die Schaufenster ein und zerrte unter lautem Gejohle alle Waren und Möbel auf die Straße...
Den Besitzer des Hauses jagten die Unmenschen, nur mit einem Nachthemd bekleidet, vor sich her. Er war nur bemüht, sein Nachthemd unten zu halten, denn man hob es immer hoch und schlug ihn mit Stöcken auf den nackten Hintern. Diese Erinnerungen bin ich nie losgeworden."

Sie hat auch ein Erlebnis mit dem Euthanasieprogramm.
Sie beschreibt einen Ferienaufenthalt im Schwarzwald.

"In unserer Pension wohnte ein Liliputaner mit einer wunderschönen Frau. Sie waren sehr verliebt ineinander und zeigten das auch. Wenn sie Hand in Hand in den Speisesaal kamen, sah es aus , als wenn sie Mutter und Kind wären.
...Als wir später noch einmal nach dem seltsamen Paar fragten, sagte uns die Wirtin, daß sie ins KZ gebracht worden waren. Die Frau, weil sie zu ihrer Liebe gehalten hatte, der Mann, weil Deutschland solche Mißgeburten nicht duldete."

20 % Antisemitismus in Deutschland! Ist das schon Antisemitismus , wenn wir die Politik Israels kritisieren?
Die österreichische Schriftstellerin jüdischen Glaubens, Eva Menasse, sagt in einem Interview:

"Da frage ich gerne Antisemiten, die über den Nahostkonflikt besser informiert sind als über alles andere in der Welt. Da sage ich dann: Du, in Nigeria werden Menschenrechte verletzt. Da gibt es auch eine Amnesty-Gruppe."

(SZ 14.5.2017)

Ich meine, die Kritik an Israels Politik sollten wir in Deutschland ganz bewußt Menschen anderer Länder überlassen: Länder, die nicht mit Nazi-Deutschland zusammengearbeitet habe,
Länder, die Flüchtlinge aufgenommen haben, z.B. England: Dort wurde der spätere Vater von Eva Menasse in einem Kindertransport aufgenommen, so daß er überlebte.
Auch das gehört für mich zu: "Wehret den Anfängen."

Nähren wir Antisemitisches Denken nicht auch durch Vorstellungen:
" Wer gehört zu uns hier in unserem Land, in Europa ?!"
Wieviel Blut- und Rassegedanken stecken in uns,
ein bestimmtes Aussehen,
die zu uns passende Religion,
deutsche Sprachkenntnisse sind Voraussetzung.
Wir differenzieren nach "Deutschen Genen" ,nach "biodeutschen christlichen Normen". (SZ Jörg Häntzschel 29.7.2018)
Sami Yusuf, erfolgreichster Popstar der islamischen Welt, in Theran geboren, in England aufgewachsen, verheiratet mit einer Deutschen, wird in einem Interview zitiert:

"Immerhin unterscheidet sich die englische Definition von Staatsangehörigkeit vom Deutschen Blutrecht."

(SZ 19./20.Januar 2019)
Wir haben neue Worte geprägt für unsere Differenzierung: " Menschen mit Migrationshintergrund."
Die meisten dieser Menschen habe eine andere Muttersprache als wir, aber sie können sich auf jeden Fall in einer zweiten Sprache verständigen, hier in der deutschen Sprache. Und ich, und wir!?
Die Journalistin Dunja Hayali, Trägerin unseres Benediktpreises im letzten Jahr, spricht in einem Interview (FR 24.1.2019) von den Haß-Mails, die sie erhält:

"Ja, ich bin froh, daß meine Eltern das, was im Moment in diesem Land und ja auch mit ihrer Tochter passiert, nicht mitbekommen. Das haben sie einfach nicht verdient.."

Die Mutter starb vor zwei Jahren, der Vater ist dement.

Die UNO Resolution führte diesen Gedenktag ein "als Bestätigung und Konkretisierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948." (SZ 18.1.2019 Yark Michal Bodemann)
Unser Grundgesetz wird in diesem Jahr 70 Jahre alt.
Wir sollten doch mit diesen Gesetzen unter dem Arm leben, anders als Franz Josef Strauß, und ihre Worte häufiger lesen:
Artikel 1 der Menschenrechte: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechte geboren."Grundgesetz: Artikel 1,1:
"Die Würde des Menschen ist unantastbar."
- nicht die Würde des Deutschen alleine, des MENSCHEN-.
In Artikel 3, 3.
"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."Wir Christen und Juden finden diese Menschenrechte im 1. Kapitel der Bibel:(Genesis 1, 27 )

"Gott schuf den Menschen, als Mann und Frau schuf er sie."

Gott schuf nicht den Deutschen, er schuf nicht den Juden, den Christen, den Weißen:
Gott schuf den MENSCHEN.
Wir sollten diese Sätze der Bibel, der Menschenrechte, des Grundgesetzes häufiger lesen,
bewußt lesen, ich sollte diese Sätze häufiger und bewußter lesen.
"Im Anfang war das Wort." so beginnt der Evangelist Johannes sein Evangelium.
Worte wirken in uns, können bewirken, "daß wir den "Anfängen wehren."

Seit 1965 sind die katholischen Christen der Erklärung des 2.Vatikanischen Konzils verpflichtet.
"Nostra Aetate", "In unserer Zeit".
3. "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten.
Da es jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synod sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen."
4. "Im Bewußtsein des Erbes, daß die Kirche mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemand gegen die Juden gerichtet haben."
5. " Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht." (Kleines Konzilskompendium S.357 - 359)
Sie können sagen, diese Sätze sind doch selbstverständlich. Für die Katholische Kirche waren diese Erklärungen erstmalig und darum so wichtig bis heute.

Seit 2016 gibt eine neue katholische Bibelübersetzung, die Einheitsübersetzung 2016, die die Einheitsübersetzung 1980 ersetzen soll. Es ist gut, daß es diese neue Übersetzung gibt.
Im Römerbrief sind die Fortschritte im Dialog der Kirchen mit dem Judentum in den 36 Jahren zu spüren. In den Zwischenüberschriften können wir es schon ablesen:
statt: Israels falscher Eifer für Gott  Israel und die Heiden auf der Suche nach
Röm 9,30-1=,1-4. (EÜ 1980) Gerechtigkeit. Das Gebet des Apostels für Israel. (EÜ 2018)

statt: Israels Ungehorsam Mögliche Gründe für das Nein Israels Röm 10,14-21. (EÜ 1980) (EÜ 2018)

(Anzeige für die Seelsorge 11 / 2018. Bettina Eltrop S.15)

"Wehret den Anfängen"!!

Wir haben die NS Gedenkstätten in NRW, die 2018 mit 400 000 einen Rekordbesuch erreichen.
(RP 18.1.2019).
Wir haben Filme und Bücher über diese Zeit.
Wir haben die Bibel, die kirchlichen Texte,
wir haben das Grundgesetz und die Menschenrechte.

-für die 20 %, aber auch für uns, damit wir uns " wehren" können.


Rede von Rolf Hock (Geschäftsführer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit MG e.V.)

Rolf HockWehret den Anfängen ! Angriffe auf Menschenwürde und Demokratie

Ich will einige bedenkliche Entwicklungen in unserer Demokratie benennen:

In den sozialen Medien haben unaktzeptierbare Angriffe auf die Menschenwürde einzelner Personen und auf Gruppen von Menschen erschreckend zugenommen.

Ähnliches gilt für Reden und Veröffentlichungen rechtsextremer Politiker und rechtsextremer Organisationen.

Auch AfD-Parlamentarier bedienen sich dieser Methoden. Herr Gauland erdreistete sich, die Nazizeit und damit den Holocaust als „Vogelschiss“ zu bezeichnen.

Selbst die Reaktionen demokratischer Politiker auf Hasskommentare, Hetzkampagnen und Falschmeldungen sind manchmal undifferenziert und unglücklich.

Derweil nehmen sowohl rechtsextremistische, als auch islamistische Gewalt- und Straftaten zu, weil sie als politisches Instrument genutzt werden.

Die Vorkommnisse in Chemnitz und die öffentliche Debatte darüber machen das gesamte Dilemma mehr als deutlich. Da wird tagelang darüber debattiert, ob dies eine Hetzjagd war, anstatt klar Stellung zu beziehen, dass es in Deutschland unzulässig ist, wenn mehrere Männer mit Stöcken einen einzelnen Mann verfolgen und bedrohen. Definitionsversuche für „Hetzjagden“ lenken dann doch nur vom Eigentlichen ab.

Schockierend ist die Erkenntnis, dass auch bei der Bundeswehr rechtsextremes Fehlverhalten in 200 Fällen untersucht wird und in der Frankfurter Polizei auch bei einer Gruppe von Polizeibeamten.

Alarmierend ist die Missachtung unserer Gewaltenteilung im Fall der Abschiebung von Sami A. nach Tunesien, obwohl sein Asylantrag beim Gericht noch nicht entschieden war.

Und wer hätte gedacht, dass sich nach 1945 in Deutschland noch einmal Kippaträger, Synagogenbesucher und jüdische Inhaber von Gaststätten und Geschäften  fürchten müssen ?

Was läuft falsch in unserem Staat ?

Meine These ist: Es fehlt die Einsicht, dass Demokratie nicht einfach ist.

Demokratie erfordert engagierte Debatten und mutige Stellungnahmen. Selten gibt es aber Lösungen, die allen gefallen. Es muss genügen, wenn die Mehrheit sie befürwortet. Für die unterlegene Minderheit muss es einen Minderheiten-Schutz geben. Entscheidend aber ist die Aufrechterhaltung des gegenseitigen Respekts, die Achtung der Würde meines Gegners.

Und hier sind auch die öffentlichen Medien gefordert, die sich gerne als vierte Gewalt in der Demokratie sehen. Wenn für sie der kurzfristige Show-Effekt, der Auflagen bringt, wichtiger wird als die gründliche Analyse, dann entsteht ein Strohfeuer, das viele Funken wirft, aber auf Dauer nur schadet.

Mit der Gier nach dem Knall-Effekt, den Breaking News, streben sie dem Aufmerksamkeits-Muster der „sozialen“ Medien nach und verlieren ihre eigentliche Kompetenz, das kritische Überprüfen von Meldungen und das Entlarven von Fake-News aus den Augen und verlieren damit immer mehr an Bedeutung.

Und wir als Konsumenten sind auch gefragt: Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit? Was sehen wir uns an, was lesen wir, wem glauben wir? Und welche Medien bestätigen wir durch unsere Aufmerksamkeit.

Und dann ganz besonders: Wofür setzen wir uns ein?

Wie gesagt: Demokratie ist nicht einfach !

Aber ich denke, alle hier Anwesenden sind sich bewusst, was es bedeutet, wenn wir diese Aufgabe nicht angehen. Die Alternative wird durch ein Statement, das Prof. Hermann Glaser bekannt machte beleuchtet:

„Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“


Rede von Jutta Finke-Gödde (Frauengeschichtsverein/FrauenVita e.V.)

Jutta Finke Goedde„Siehst du denn nicht, dass die Neusprache kein anderes Ziel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkürzen? Zum Schluss werden wir die Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, weil es keine Worte mehr gibt, in denen man sie ausdrücken könnte. Jeder Begriff, der jemals benötigt werden könnte, wird in einem einzigen Wort ausdrückbar sein, wobei seine Bedeutung streng festgelegt ist und alle seine Nebenbedeutungen ausgetilgt und vergessen sind.

Mit jedem Jahr wird es weniger und immer weniger Worte geben, wird die Reichweite des Bewusstseins immer kleiner und kleiner werden.“

Georg Orwell

1984

In seiner Dystopie „1984“ beschreibt der Autor Georg Orwell das Leben in einem totalitären System der Zukunft. Ein Charakteristikum dieser fiktiven Diktatur ist das Konstrukt einer neuen Sprache, der so genannten Neusprach, die aus der bisherigen Altsprache entwickelt wird. Es sollen sich die Bedeutungen von Wörtern verändern, viele Begriffe will man sogar ganz abgeschaffen. Das polititsche System will mit Hilfe dieser Sprachmanipulation begriffliche Vielfalt so einschränken, dass nur noch ein Denken im Sinne der Machthaber vorstellbar ist.

Wo die Worte dafür fehlen, muss jede Kritik, jeder Widerstand im Keim ersticken, denn was nicht mehr gesagt oder gedacht werden kann, können wir weder erträumen noch erstreiten. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte die These: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.

Worte geben uns die Möglichkeit, Ideen und Vorstellungen von anderen Realitäten zu entwickeln. Sprache schafft Wirklichkeit. Sprache ist nicht nur ein Abbild unserer Welt, sie bringt auch unsere Welt hervor, so formuliert es der Grünenpolitiker Robert Habeck in seinem aktuellen Buch „Wer wir sein könnten“, das sich mit Sprache in der Politik auseinandersetzt.

Mit Sorge bemerkt Habeck eine zunehmende sprachliche Verrohung in der Politik, der eine politische Grenzverschiebung folge. Sprache mache den Inhalt von Politik aus. Was gesagt werde in der Politik, sei das, was gedacht und schließlich auch gemacht werde. Der sprachlichen Verrohung folge unweigerlich die gesellschaftliche Verrohung.

Tatsächlich erleben wir aktuell in politischen Diskussion, in den digitalen Netzwerken oder auf der Straße immer häufiger, dass Hemmschwellen sinken und das, was bisher unsagbar war, oft ohne Sanktionen befürchten zu müssen, in der Öffentlichkeit ausgesprochen werden kann. Populisten melden sich zur Wort, die sich einer Sprache bedienen, die ideologische Wahrheit an die Stelle von rationalen Argumente setzt. Themen werden emotionalisert und vereinfacht dargestellt, Begriff umgedeutet, Verunglimpfungen und Stigmatisierungen prägen das Miteinander.

Auch in den Parlarmenten sei der Ton rauer geworden, beschreiben es viele Politiker und führen dies auf den Einzug der AfD in den Bundestag zurück. Doch sprachliche Enthemmung und moralischer Kontrollverlust kennzeichneten auch die Debatten anderer Parteien, etwa im vergangenen Sommer innerhalb der CDU. Und bei der Wahl des „Unwort des Jahres“ fällt den Jurymitgliedern auf, dass Unwörter, die man bisher vor allem von AfD-Politikern kannte, nun auch von Politkern anderer Parteien hört. So ist „Anti-Abschiebe-Industrie“, ausgesprochen von CSU-Politiker Alexander Dobrinth, zum aktuellen Unwort gekürt worden. Der Ausdruck zeige, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat,“ so die Begründung der Jury für ihre Entscheidung.

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da“, Mit diesem Zitat brachte der deutsche Romanist und Politiker Victor Klemperer 1947 die schleichende Beeinflussung des Denkens durch Sprache und Kommunikation in der Naziszeit auf den Punkt.

Bedenklicherweise sind durch die Nationalsozialisten diskreditierte Begriffe in Deutschland wieder hoffähig geworden. Wenn die AfD oder andere rechte Gruppen von der „Lügenpresse“ oder gleichgeschalteten Systemmedien sprechen, dann ist dies eindeutig als Nazi-Jargon zu identifizieren. Darüber hinaus wird suggeriert, wir lebten in einer Diktatur gegen die wir das Recht auf Widerstand in Anspruch nehmen dürfen. Wenn der Begriff „Volk“ nicht als Staatsvolk begriffen, sondern in biologisch-rassistischem oder ethnisch-kulturellem Sinne definiert wird, wenn vom „gesunden Volkskörper“, von „Volksverrätern“ oder „gesunden Volksempfinden“ gesprochen wird, knüpft man an die Sprache der Nazis an. Gleichzeitig grenzt man Menschen aufgrund ihrer ethnischen Abstammung aus und diffamiert demokratische Verfahrensweisen.

Ausgrenzende, stigmatisierende Sprache funktioniert ebenso mit eigentlich neutralen Begriffen. Wenn der bayrische Ministerpräsident Söder den Begriff „Asyltourismus“ benutzt, wenn wir angeblich eine „Flüchtlingswelle“, einen „Flüchtlingsstrom“ befürchten müssen, wenn Zeitonline einen Artikel über private Seenotrettung flüchtender Menschen im Mittelmeer mit „Illegaler Shuttle-Service“ übertitelt, dann werden Menschen entmenschlicht. Sie werden zu einer Naturgewalt, vor der man sich mit Mauern und Dämmen schützen muss. Dann wird der Versuch vor Gewalt, Krieg und Hunger zu fliehen kriminalisiert und die Not der Flüchtenden verharmlost, sind sie doch nur als Urlauber unterwegs. Auf der anderen Seite wird die Angst vor der Flut der Fremden geschürt, der wir Europäer angeblich ausgeliefert sind. Vor dieser „Überfremdung“ schützt ein Rückzug auf die „nationale Identität“, wie immer dieser Begriff definiert werden kann. Und mit der „Festung Europa“ gelangt ein Begriff aus dem Arsenal von NS-Propagandaminister Joseph Göbbels in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Eine solche stigmatisierende und die Fakten verkürzende oder verdrehende Sprache verhindert Empathie und Mitgefühl. Sie führt dazu, das aus Seenot gerettete Menschen tagelang nicht an Land gelassen werden und damit ihr Recht auf Leben, Schutz und Unversehrheit mit Füßen getreten wird.

Was in dieser Zeit populistischen Missbrauchs der Sprache dringend gebraucht wird, ist Sensibilität im Umgang mit Worten und Sätzen. Was dringend gebraucht wird, ist Sachlichkeit in der Dsikussion und Offenheit für die Argumente des politischen Gegners. Wir brauchen Bereitschaft zum Streit, zur Debatte, zum Kompromiss, zur Anerkennung der Meinung anderer. Denn Toleranz und Menschlichkeit sind nicht selbstverständlich, um sie muss immer wieder neu gerungen, sie müssen immer wieder gegen Angriffe verteidigt werden. Habeck sagt: In der Demokratie geht es nicht um Wahrheit, sondern um Argumente und Rechte. Wir müssen auf der Grundlage von Moral gute Argumente entwickeln.

Der deutschsprachige Lyriker Paul Celan, forderte nach 1945, nachdem seine Eltern durch die Nazis ermordet worden waren: „Wir dürfen nicht aufhören miteinander zu reden und wir dürfen dabei dem anderen keine Form von Identität aufzwingen“

Auch beim Umgang mit Sprache gilt „Wehret den Anfängen!“. Eine sensible, bewusste, abwägende und achtsame Sprache schafft eine menschenwürdige Wirklichkeit und sie stärkt unsere Demokratie gegen die Angriffe derjenigen politischen Gruppierungen, deren menschenverachtende Ideologie in ihrer Sprache nur allzu deutlich wird.


Lied: Die Moorsoldaten

1) Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm. 
3) Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn. 
5) Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch. 
Flucht wird nur das Leben kosten,
vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
2) Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut, wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
4) Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
6) Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!

 

Das Lied - DIE MOORSOLDATEN - bei  


Schlusswort von Ferdinand Hoeren

Wir haben eben gesungen: „Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein.“ Nur wenige, die vor 1945 dieses Lied gesungen, haben dies überlebt. Wir dagegen leben seit Jahrzehnten in unserer Heimat in Frieden.

Wir sollten deshalb den Anfängen jeder Gefahr einer Wiederholung gemäß unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten entgegenwirken.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme.


Nachbericht der Rheinischen Post Mönchengladbach vom 28. Januar 2019

→ Gedenkstunde auch für 1400 Mönchengladbacher Holocaust-Opfer

Fotos: Dorothe Hoeren-Thüs

 

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